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Sexueller Kontakt

mit Tieren

 

Seminararbeit (längere Hausarbeit)
in der Veranstaltung „Sexuelle Störungen" (Psychologie)
bei Prof. Christine Möller, Universität Siegen, 1997

 

Inhaltsverzeichnis

 

1 Einleitung

2 Bezeichnungen und Definitionen

2.1 Allgemeinsprachlich

2.2 Fachsprachlich

3 Art der Kontakte

3.1 Konstellationen

3.2 Tiere

4 Zugang

5 Verbreitung und Häufigkeit

5.1.1 Personen

5.1.2 Nicht pathologische Kontakte

5.1.3 Pathologische Kontakte

6 Gesellschaftliche Rezeption

7 Diagnostische Kriterien

8 Ursachen

8.1 Latenz und zufälliges Erlebnis

8.2 Freie Wahl des Sexualpartners Tier

8.3 Bedürfnis nach Liebe, körperlicher Nähe und Wärme

8.4 Das Tier in der Vermittlerrolle

8.5 Instrumentalisierte Selbstbefriedigung

8.6 Ersatz für einen humanen Sexualpartner

8.7 Infantile Verwirrung

8.8 Tiere als Ersatz für Paraphile

8.9 Tierbezogene Paraphilien

9 Folgen

10 Zusammenfassung und Stellungnahme

11 Anhang

11.1 Literaturliste

11.2 sonstige Quellen

11.3 „Zoo-Code"

 

1 Einleitung

Das Thema „Sexueller Kontakt mit Tieren" ist interessant, weil es so wenig erklärlich scheint. Denn wohl jede andere Art sexuellen Verhaltens, mag es auch noch so entfremdet sein, nimmt noch Bezug auf menschliche Geschlechtspartner.

Außerdem wird keine Art sexuellen Verhaltens durch die Standardsprache derart stigmatisiert wie der Tierkontakt - kraft der Bezeichnung „Sodomie", die an DEN christlich-abendländischen Ort der Sünde erinnert. Und obwohl das Bereden und Zeigen paraphiler Praktiken zum TV-Alltag geworden ist, ist der sexuelle Tierkontakt kaum ein öffentliches Thema.

Josef Massen, der 1994 das im deutschen Sprachraum umfangreichste Werk über sexuellen Kontakt mit Tieren veröffentlichte, schreibt: „Ja, man kann sagen, daß es das letzte Tabu in Sachen Sexualität ist."

2 Bezeichnungen und Definitionen

2.1 Allgemeinsprachlich

Die standardsprachliche deutsche Bezeichnung für „Geschlechtsverkehr von Menschen mit Tieren" lautet „Sodomie" (DROSDOWSKI, Rechtschreibung, 665) und ist eine gelehrte Entlehnung des 16. Jahrhunderts aus dem gleichbedeutenden lateinischen Wort „sodomia". Bereits seit dem 15. Jahrhundert existiert das Wort „Sodomit" im deutschen Sprachgebrauch als Bezeichnung für „jemanden, der Sodomie treibt", zurückgehend auf das spätlateinische Wort „Sodomita", ursprünglich die Bezeichnung für einen Einwohner der Stadt Sodom. (DROSDOWSKI, Etymologie, 679) (Laut dem Duden-Band „Rechtschreibung" hat das Wort „sodomia" neulateinischen Ursprung, laut dem Duden-Band „Etymologie" hat es spätlateinischen Ursprung.)

Zugrunde liegt den Wörtern der Name der biblischen Stadt Sodom, die berüchtigt war für das lasterhafte und ausschweifende Leben ihrer Einwohner (DROSDOWSKI, Etymologie, 679) und laut des Alten Testaments von Gott mit Schwefel und Feuer vernichtet wurde: „Der Herr sprach also: Das Klagegeschrei über Sodom und Gomorra, ja, das ist laut geworden, und ihre Sünde, ja, die ist schwer." (1. Mose [Genesis] 18, 20) (BIBEL, 19); „(...) er vernichtete von Grund auf jene Städte und die ganze Gegend, und auch alle Einwohner der Städte ..." (1. Mose [Genesis] 19, 24) (BIBEL, 20)

Ursprünglich wurde „Sodomie" allgemein im Sinne von „widernatürliche Unzucht" gebraucht. (DROSDOWSKI, Etymologie, 679). Die Kirche hat alle Sexualpraktiken als Sodomie bezeichnet, die nicht der Zeugung dienten; sogar den Verkehr mit Nichtchristen. (MASSEN, 7) Die Bibel erklärt nicht eindeutig, welche Sünden die Einwohner begangen hatten. (BORNEMANN, 788)

Es gibt jedoch Hinweise, daß das biblische Wort ursprünglich ausschließlich Homosexualität bezeichnet hat: „Die Moraltheologen (...) haben immer richtig, d. h. im Sinne der Genesis, unterschieden zwischen: Sodomia, i. e. concubitus cum persona ejusdem sexus, und Bestialitas, i. e. concubitus cum bestia." (KRAFFT-EBING, 421) Im englischen Sprachgebrauch steht Sodomie („sodomy") heute noch auch für homosexuelle Praktiken (HORNBY, 1214); in der französischen Standardsprache bedeutet es gar ausschließlich „Analverkehr". Trennschärfer im Französischen ist „Bestialité" (ALBIN, 586); im Angloamerikanischen wird „Bestiality" als Bezeichnung für Sexualität von Menschen mit Tieren gebraucht. (HORNBY, 102)

Das populäre Wörterbuch „Die neue Rechtschreibung" des Bertelsmann-Verlags übersetzt noch in seiner neuesten Auflage „Sodomie" als „Unzucht mit Tieren" und definiert „Unzucht" als „unsittliche geschlechtliche Handlung". (BERTELSMANN) Praktizierende „Sodomiten" möchten sich als „Zoophile" bezeichnen lassen, ihre Praktiken als „Zoophilie". Sie nennen Zoophilie eine partnerschaftlich betonte Sexualität mit dem Tier (FAQ, 2.2) und verwenden auch die Bezeichnung „Zoosadismus", um zwischen „liebevollen Handlungen und Gewalttätigkeiten" unterscheiden zu können. (FAQ, 2.1.) Das Wort „Zoophilie" stammt von dem griechischen „zoion" (Lebewesen, Tier) und „philos" (liebend, Freund). (DROSDOWSKI, Etymologie, 834 u. a.)

2.2 Fachsprachlich

Sexuelle Kontakte zwischen Mensch und Tier werden grundsätzlich als vom Menschen ausgehend definiert. Bornemann nennt dies ein Mißverständnis. Im Altertum habe man die sexuelle Liebe zwischen Mensch und Tier gar völlig konträr verstanden: als die Liebe eines Tieres zu einem Menschen oder eines Gottes in Tierform zu einem menschlichen Wesen. (BORNEMANN, 880)

Für sexuellen Kontakt von Menschen mit Tieren werden hauptsächlich zwei Bezeichnungen verwandt: „Sodomie" und „Zoophilie". Die Definitionen schwanken allerdings zwischen „sexueller Beziehung mit Tieren" (z. B. ARNOLD, 2096) und „Vollführen des Sexualverkehrs mit Tieren" (z. B. PETERS, 489). Quantitativ besetzt werden diese Bezeichnungen meist mit dem umfangreichsten empirischen Material zum sexuellen Kontakt mit Tieren, den Untersuchungsergebnissen des Kinsey-Instituts. Oft übersehen wird dabei, daß die Bezeichnung der Kinsey-Forscher („Tierkontakte") sehr weit definiert ist und keineswegs auf den Geschlechtsverkehr beschränkt ist. Aufgrund dessen werden die Kinsey-Ergebnisse häufig unzulässig uminterpretiert. So wird beispielsweise aus dem sexuellen Erlebnis eines Jungen, der sich an einem Tierkörper reibt und dabei keinen Orgasmus erlebt, ein vollzogener Geschlechtsverkehr. Zudem werden die Kinsey-Daten auf pathologische Definitionen von sexuellen Tierkontakten übertragen (vgl. Abschnitt 5.1.3, Absatz 2).

Bemerkenswert ist, daß bereits vor mehr als hundert Jahren ein bedeutender Sexualforscher eine trennscharfe Terminologie einführte: Freiherr Richard von Krafft-Ebing. Ihm wird (z. B. von ARNOLD, 2594) die Einführung der Bezeichnung „Zoophilie" zugeschrieben. Krafft-Ebing brachte den Terminus mit seinem 1886 erschienenen Werk „Psychopathia sexualis" ein, mit dem „erstmals damit begonnen wurde, all das an Abarten zu sammeln, was in der Sexualität überhaupt vorkommt" (SCHORSCH, Liebe, 2). Somit stammt die Bezeichnung immerhin aus „dem Geburtsjahr der Sexualwissenschaft im engeren Sinne" (SCHORSCH, Liebe, 2). Als „Zoophilie" bezeichnete Krafft-Ebing indes nicht den Geschlechtsverkehr mit Tieren, sondern ausschließlich menschliche Tierkontakte wie Streicheln oder Schlagen, die bei der betreffenden Person eine sexuelle Erregung hervorrufen. (ARNOLD, 2594) Krafft-Ebing benutzte die Bezeichnung „Zoophilia erotica". Er benannte damit Fälle einer Art von Fetischismus, „in welchen Tiere auf Menschen aphrodisisch wirken". (KRAFFT-EBING, 222) Geschlechtsverkehr mit Tieren bezeichnete er allgemein als „Tierschändung", im pathologischen Sinne als „Zooerasterie" und im nicht pathologischen Sinne als „Bestialität". (KRAFFT-EBING, 423)

„Wir glauben indes, auf diese Unterscheidung verzichten zu können", schreibt der Mediziner Alexander Hartwich 1965 in seiner freien Bearbeitung der „Psychopathia Sexualis". (HARTWICH, 63) Die ursprüngliche Differenzierung ist verschwunden. Generell wird heute Zooerasterie als Zoophilie bezeichnet. Oder als „Sodomie", wogegen ebenfalls stichhaltige Argumente bestehen, wenigstens etymologische (vgl. Abschnitt 2.1).

Vergleichsweise trennscharfe Bezeichnungen existieren für Praktiken mit bestimmten Tieren (zum Beispiel „Kynophilie"), für Tierkontakte spezieller paraphiler Natur (zum Beispiel „Zoonekrophilie", „Tierfetischismus") oder für psychische Phänomene, die mit Tieren in Zusammenhang stehen. Das ist etwa die „Mixoscopia Bestialis" (die Lust, den Beischlaf zwischen Tieren oder zwischen Mensch und Tier zu sehen), die „Zooanthropie" (Identifizierung mit einem Tier) oder die sexuelle Perversion der Tiernachahmung, die „Zoomimik" (der Betroffene verlangt, beim Geschlechtsverkehr wie ein Tier behandelt zu werden und ahmt dieses Tier beim Koitus nach). (nach BORNEMANN)

Manche Sexualforscher benutzen nach wie vor die Bezeichnung „Bestialität" für Geschlechtsverkehr mit Tieren (BORNEMANN, 78). Die Bezeichnung „bestialisch" bedeutet im deutschen Sprachgebrauch „unmenschlich", „grausam". (DROSDOWSKI, Rechtschreibung, 156)

Die selbe Konnotation schwingt in einer anderen gängigen Benennung mit: „Zoostuprum" - griechisch „Tierschändung". (BORNEMANN, 882)

Beide Bezeichnungen signalisieren die Vorstellung, bei jedem zoophilen Akt müsse Zwang auf das Tier ausgeübt werden. So erkennt man bei allen zoophilen Akten einen sadistischen Hintergrund. (wie z. B. HARTWICH, 66) Wir werden noch weiter darlegen, daß diese Annahme nicht richtig ist.

Weil sexuelles Stimulieren durch Menschen offenbar von Tieren auch als positiv und erregend erlebt werden kann, wollen wir diese Bezeichnungen nicht generell für sexuellen Kontakt mit Tieren verwenden. Ebenso nicht die Benennung „Sodomie", weil sie zu stark moralisch besetzt ist und, wohl aufgrund ihrer umstrittenen Etymologie, lediglich im deutschen Sprachraum eindeutig belegt ist. Wir schlagen folgende Terminologie vor:

  • Sexueller Kontakt mit Tieren für sexuelle Phantasien, Bedürfnisse oder Verhaltensweisen in Bezug auf Tiere;

  • Zoophilie für nichtpathologischen sexuellen Kontakt mit Tieren;

  • Zooerasterie für tierbezogen pathologischen sexuellen Kontakt mit Tieren;

  • Zoosadismus und entsprechende ähnliche Wortzusammensetzungen für sexuellen Kontakt mit Tieren, der auch tierunabhängig paraphiler Art ist.

(...)

5 Verbreitung und Häufigkeit

„Sexuelle Kontakte von Menschen mit Tieren sind seit Urzeiten in allen Rassen und Völkern bekannt", konstatierte Alfred Charles Kinsey (KINSEY, 620), ein Pionier der Sexualforschung und Professor für Zoologie. (KOPERNIKUS, 198) Seit den Untersuchungen des Kinsey-Instituts in der Mitte dieses Jahrhunderts ist empirisch belegt worden, daß der sexuelle Tierkontakt auch in unserem Kulturkreis und in unserer Zeit nichts Ungewöhnliches darstellt. (ARNOLD, 2096f) Heute sind sexuelle Tierkontakte am weitesten verbreitet in den Ländern des Islam und den besonders streng katholischen Ländern. (MASSEN, 75) Freilich ist zu bedenken, daß kein Land der Welt zuverlässige Zahlen über als „unnormal" eingestufte sexuelle Praktiken besitzt, was in der Angst der Menschen begründet liegt, die Wahrheit über sich zu entdecken. (BORNEMANN, 619)

(...)

5.1.1 Personen

Kurz nach der Jahrhundertwende schrieb Sigmund Freud, der „sexuelle Verkehr mit Tieren" sei „besonders unter dem Landvolke gar nicht selten". (FREUD, Abirrungen, 59) Ein Wörterbuch der Psychiatrie von 1977 erläutert, Sexualverkehr mit Tieren werde meist vollführt von Schwachsinnigen, Alters- und Alkoholdementen, manisch Kranken, einsam lebenden Schäfern und Landarbeitern. (PETERS, 489) Bornemann unterscheidet zwischen ländlichen Tierkontakten, die meist von geistig beschränkten Menschen geübt werden, und städtischem Tierkontakt, der oft von Personen im vollem Bewußtsein ihrer perversen Natur praktiziert wird. (BORNEMANN, 881)

(...)

Massen betont, der Personenkreis, der zu Ersatzhandlungen mit Tieren getrieben werde, sei sehr groß, denn „Millionen von Menschen leider unter religiösen oder moralischen Bestimmungen, die jeglichen heterosexuellen Kontakt vor der Ehe verbieten." Die Betroffenen suchen sich zwei Auswege: Homosexualität und Sexualkontakt mit Tieren. Zudem sei an all die Menschen zu denken, die aufgrund von Alter, abstoßendem Äußerem, wirtschaftlicher Schwäche und sozialer Benachteiligung keine Chancen haben, einen Partner zu finden. Viele dieser Menschen seien gefühlsmäßig oder finanziell nicht in der Lage, mittels der Prostitution ihre sexuelle Not zu lindern. (MASSEN, 74f)

Zudem existiert Prostitution mit Tieren, die meist von nicht entsprechend veranlagten Menschen vollzogen wird. (BORNEMANN, 881) Ein Fallbeispiel nennt Krafft-Ebing:

„Ein monströses Beispiel von sittlicher Depravation in großen Städten ist der (...) Fall einer Weibsperson in Paris, die in geschlossenen Kreisen gegen ein Eintrittsgeld vor Wüstlingen sich damit produzierte, daß sie sich von einem abgerichteten Bulldogg begatten ließ!" (KRAFFT-EBING, 422)

5.1.2 Nicht pathologische Kontakte

Das umfangreichste empirische Material zum sexuellen Kontakt mit Tieren erbrachte die Untersuchung des Kinsey-Instituts. Dabei handelt es sich um nicht pathologische Tierkontakte (vgl. Abschnitt 5.1.3, Absatz 2). Demnach hatten zum Untersuchungszeitpunkt, die Mitte dieses Jahrhunderts, zirka acht Prozent aller Männer und zirka 3,6 Prozent aller Frauen in den USA irgendwann einmal sexuellen Kontakt zu Tieren gehabt.

Am verbreitetsten sind Tierkontakte bei der männlichen Landbevölkerung. (ARNOLD, 2096f) In einigen Gemeinden stellte man Verbreitungszahlen von bis zu 65 Prozent fest. 40 bis 50 Prozent aller Farmerjungen haben irgendeine Art von sexuellem Tierkontakt, entweder mit oder ohne Orgasmus. (KINSEY 622) Es gibt jedoch auch eine Anzahl von in der Stadt aufgewachsenen Jungen mit Tierkontakten (allein vier Prozent zwischen Pubertät und dem Alter von 15 Jahren) - und die Tatsache, daß die meisten Kontakte bei ihrem Besuch auf Bauernhöfen vorkommen, legt die Vermutung nahe, daß die männliche Stadtbevölkerung ebenso viele Tierkontakte wie die Landbevölkerung haben würde, wenn sie den gleichen Zugang zu Tieren hätten. (KINSEY 621) Bei den Häufigkeitszahlen kann es nur um „Minimum-Daten" handeln, gibt das Kinsey-Institut zu bedenken und verweist darauf, daß „zweifellos manches in den Berichten über diese Art der Kontakte verschwiegen worden ist." (KINSEY, 622)

Trotz dessen konstatiert Kinsey: Von allen Formen der sexuellen Betätigung des Menschen stellt der Tierkontakt den geringsten Prozentsatz der Gesamt-Triebbefriedigung der Bevölkerung dar. (ARNOLD, 2096) Betrachtet man die Gesamtzahl der Orgasmen der Bevölkerung, entfällt nur ein Bruchteil eines Prozents davon auf den Kontakt mit Tieren. In der Zeit, in der solche Kontakte am häufigsten vorkommen, nämlich zwischen Pubertät und 20 Jahren, wird knapp ein Prozent der gesamten Triebbefriedigung auf diese Weise erlangt; die Zahlen sinken jedoch in den folgenden Altersgruppen schnell und stellen bei den nach dem 25. Lebensjahr noch unverheirateten Männern nur noch 0,04 Prozent dar. (KINSEY, 621) Im „Neuen Kinsey-Report" von 1990 wird auf Tierkontakte kaum noch eingegangen. (REINISCH, 180 u. a.)

Der real praktizierte sexuelle Tierkontakt dürfte am verbreitetsten bei den quasi berufsmäßig mit Tieren Befaßten sein - bei Tierschützern, Tierfilmern und Tierpflegern etwa. Bei letzteren geht diese Neigung oft mit einer gewissen Menschenfeindlichkeit einher. Dokumentiert ist der Fall eines emeritierten Zoologen namens Stekel, der seit seiner frühesten Jugend sexuelle Tierkontakte hatte: „Noch heute ist es sein größtes Vergnügen, im Prater auf einem Holzpferd zu reiten." (HÖGE)

5.1.3 Pathologische Kontakte

Die Zooerasterie ist eher selten (nach BROCKHAUS, Bd. 20, 410) und kommt in den letzten Jahrzehnten immer seltener vor. (MÖLLER, 163) In der „International Classification of Diseases" (ICD) der Weltgesundheitsorganisation ist sie unter „Sonstige" („Sonstige Störungen der Sexualpräferenz") eingeordnet (DILLING, 247) und stellt im aktuellen „Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders" (DSM-IV) der American Psychiatric Assocation keine eigene Kategorie mehr dar, sondern ist in die Restkategorie „Nicht Näher Bezeichnete Paraphilie" eingereiht worden. Diese Kategorie enthält Paraphilien, die „seltener vorkommen". (DSM-IV, 593) Im DSM-III tauchte die Zooerasterie, die im ICD „Sodomie" und im DSM „Zoophilie" genannt wird, noch spezifisch auf.

Danach führte ein Nachforschen in den umfangreichen Unterlagen von Tausenden von Menschen, die vom Kinsey-Institut zwischen 1938 und 1963 interviewt worden waren, zu 96 Fällen, in denen über intensive sexuelle Aktionen mit Tieren berichtet worden war. Aber in keinem Fall war der Kontakt mit Tieren oder die Vorstellung davon die bevorzugte Form für das Erreichen sexueller Erregung. (SPITZER, 211) Schon Krafft-Ebing hatte sich gewundert: „Auffällig erscheint die große Seltenheit der Fälle wirklicher Zooerasterie." Als Grund dafür vermutete er damals die „Leichtigkeit, mit der sie verborgen bleiben." (KRAFFT-EBING, 426)

6 Gesellschaftliche Rezeption

Während der heutigen Menschheit der sexuelle Kontakt mit Tieren als eine besonders abwegige und seltsame Triebabweichung erscheint, dürfte sie in früheren Epochen menschlicher Kultur ein keineswegs so besonderes Vorkommnis gewesen sein. Dafür sprechen zum Beispiel die Mythen des alten Ägypten und Indien sowie der Antike. (HARTWICH, 63)

Aus vielen Kulturen ist der Glaube bekannt, daß sich Menschen in Tiere verwandeln könnten. Hierbei ist ein starkes sexuelles Element wirksam. So glaubte man noch im Mittelalter an „Wolfsmenschen" („Lykanthropen"), die bei dem Koitus mit Wölfinnen größere Lust verspürten als ein Mann je in dem Vereinigen mit einer Frau verspüren könne. (BORNEMANN, 465) Tiere werden in Mythologie und Folklore zudem als Genitalsymbole verwendet, etwa der Fisch, die Schnecke, die Maus (der Genitalbehaarung wegen) und die Schlange, das bedeutsamste Symbol des männlichen Gliedes. (FREUD, Traumdeutung, 351)

Viele Rituale und Kulte der frühen Religionen bestanden aus dem Koitus mit „heiligen Tieren". Beispielsweise waren die Schlangen des Äskulap im griechischen Äskulapkult Schlangen, die Frauen in Tempeln zur geschlechtlichen Vereinigung benutzten. Das Verehren des Bocks von Mendes im Osiriskult des alten Ägypten bestand in der sexuellen Paarung von gläubigen Frauen mit dem heiligen Tier. Alle Totemkulte gehen auf das Konzept eines tierischen Urahns zurück. Deshalb steht am Anfang vieler Mythen die Paarung von Mensch und Tier.

Fabeltiere der Urreligionen (wie Mesopotamien, Ägypten, Hellas), die halb Mensch, halb Tier waren, müssen als „Abkömmlinge" sexueller Paarungen von Mensch und Tier verstanden werden. (BORNEMANN, 880) Mythologische Paare sind beispielsweise: Leda - Schwan, Ganymed - Adler, Europa - Stier, Semiramis - Pferd. (HÖGE) Bei den Griechen galten viele der Zwitterwesen als Halbgötter. Nur selten begleitete man das Konzept einer solchen Paarung mit einem Bewußtsein der Sünde.

In der mittelalterlichen Welt dagegen bezeugen solche Kreuzungen - der Werwolf (halb Wolf, halb Mensch); der Vampir (halb Fledermaus, halb Mensch) - das schlechte Gewissen nach dem Paaren mit dem Tier. (BORNEMANN, 881) Den sogenannten Hexen wurde vorgeworfen, sie würden Geschlechtsverkehr mit Ziegenböcken praktizieren. (BORNEMANN, 879)

Vor der Aufklärung wurde sexueller Tierkontakt als Frevel wider den göttlichen Schöpfungsplan denunziert. Seit Kant, der dafür die Todesstrafe forderte, sah man dabei vor allem „die Menschenwürde gröblich verletzt". Ab dem 12. Jahrhundert wurde der sexuelle Tierkontakt auch strafrechtlich verfolgt. (HÖGE)

Bis ins 18. Jahrhundert wird sexueller Tierkontakt als todeswürdiges Handeln definiert. (ARNOLD, 2096) Indes auch für die Tiere, die gemeinsam mit dem Delinquenten exekutiert wurden. Noch 1771 wurden in Paris sogar alle „Schoßhündchen" beschlagnahmt und am 25. Mai des Jahres auf dem Place de Grève verbrannt. (MASSEN, 157) Eine berühmte Ausnahme ist ein bekannter, aber recht unterschiedlich zitierter Ausspruch Friedrichs II. aus dem 18. Jahrhundert. Der Preußenkönig verurteilte einen Kavalleristen, der mit einer Stute sexuellen Kontakt hatte, nicht mehr zum Tode: „Der Kerl ist ein Schwein und soll unter die Infanterie gesteckt werden." (zitiert nach KRAFFT-EBING, 422)

„Elemente archaischer Erinnerungen an tatsächliche Kopulationen von Mensch und Tier enthält noch heute der Wunsch des Masochisten, von seiner Herrin als Tier behandelt zu werden." (BORNEMANN, 881)

Die drei berühmtesten Fälle von Geschlechtsverkehr mit Tieren werden aus dem 16. Jahrhundert berichtet, wo dem italienischen General Giorgio Basta und den Herzögen von Nemours und Nevers der Geschlechtsverkehr mit Ziegen vorgeworfen wurde. Dem General sagte man nach, er habe als Mätresse eine Ziege, die prunkvoll mit Schmuck wie eine Kurtisane ausgestattet sei. Dem Herzog von Nemours und seinen italienischen Söldnern warfen die Franzosen vor, ihr Lebenswandel sei so pervertiert gewesen, daß die Bauern überall dort, wo sie durchgezogen seien, sich gezwungen gesehen hätten, alle Ziegen zu verbrennen. Louis de Gonzague, Herzog von Nevers, soll auf seinen Feldzügen zweitausend Ziegen mitgeführt haben, die mit Überwürfen aus grünem Samt und großen goldenen Borten bekleidet waren. D'Artagnan sagt: „Sie dienten sowohl den Soldaten als auch ihm selbst als Mätressen." (BORNEMANN, 880) ...

>>> weiter (u. a. zu den Kapiteln "Diagnostische Kriterien", "Ursachen" und "Folgen" sowie Literaturliste)



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(c) Frank Rosenbauer



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